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Donnerstag, 11.September 2003

Lokalsport

 

 

Russische Disziplin für TV-Akrobatinnen

Bella Reingold trainiert die Mädels der Rhythmischen Sportgymnastik in St.Wendel - "SZ" - Serie Übungsleiter, Teil 1

Vorzeigbare Erfolge

Die Schützlinge von Trainerin Bella Reingold bei einer ihrer leichtesten Übungen. Die 28-jährige Übungsleiterin gehört einst der russischen Nationalmannschaft in der Rhythmischen Sportgymnastik an. Davon zehren die jungen Gymnastinnen des TV St.Wendel beim Training.

FOTO:ATB

Die Saarbrücker Zeitung stellt in einer Serie Übungsleiter aus der Region vor. Die Menschen, die hinter den Leistungen stehen, die Sie täglich in der "SZ" lesen. Im ersten Teil berichten wir über Bella Reingold. Einer ehemaligen Weltklasse-Gymnastin, die sich nun für den TV St.Wendel engagiert.
St.Wendel (gtr). Seit Mitte der 90er Jahre hat die Abteilung Rhythmische Sportgymnastik des TV St.Wendel die einst beste Gymnastin Russlands als Trainerin: Bella Reingold. Ihr Können und ihre Erfahrung haben die Mädchen des Turnvereins leistungsmäßig in die saarländische Spitze gehoben, dicht beim Aushängeschild TV Rehlingen. Bellas Ziel ist es, mit den Besten ihrer Gruppe über die Süddeutsche Meisterschaft auf guten Plätzen bei der "Deutschen" zu landen.

Noch gut erinnert sich Bella Reingold an die Zeit, als sie mit der Rhythmischen Sportgymnastik angefangen hat: "Damals war ich sieben Jahre alt. Wir wohnten in Tiflis und ich sah diesen Sport im Fernsehen. Da wusste ich: das will ich machen, auch wenn ich eigentlich schon viel früher damit hätte anfangen müssen. " Ihre Mutter war skeptisch, fuhr sie aber regelmäßig zum Training. Bella übte wie eine Besessene und hatte mit neun Jahren bereits einen hohen Leistungsstandart erreicht. Die Anforderungen seien enorm gewesen, erzählte sie, aber sie habe einen eisernen Willen gehabt. Mit zwölf bekam sie einen Durchhänger und wollte aus ihrem Sport wieder aussteigen. Jetzt war die Mutter dagegen: "Das geht nicht, du hast dich doch dafür entschieden." Und Bella blieb.

Mit 13 Jahren landete sie als beste Gymnastin in der Nationalmannschaft der UdSSR. Der Preis war hoch. Sie musste schließlich ganz die Gymnastik leben. Das hieß auch, ein ganzes Jahr lang in Moskau zu trainieren. Aber sie tat es gerne. "Ich wollte auch dankbar sein für alles, was mein Land für mich getan hat", sagte sie nicht ohne Stolz.

 

1990 war sie erstmals in St.Wendel

1988 besuchte sie Nationalmannschaft der UdSSR - damals noch ohne Bella Reingold - Saarbrücken. Die St.Wendeler Turnerin Ursula Born betreute die UdSSR Mannschaft und lotste sie auch für ein paar Tage nach St.Wendel. Mit der Tänzerischen Gymnastik des Turnvereins wurde Freundschaft geschlossen. Die St.Wendeler Turnerinnen reisten danach sogar zwei Mal nach Tiflis.

1990 kam Bella Sinner - so ihr damaliger Mädchenname - zum ersten Mal mit ihrem Team  nach St.Wendel und wohnte bei Hella Klomen von der Tänzerischen Gymnastik des Turnvereins. Bella erinnert sich: "Es fiel mir nicht schwer, so weit von zu Hause weg zu sein. Wir waren Auslandsreisen gewöhnt. Außerdem hatte ich Freundinnen und den Trainer dabei. Leider konnte ich kein Wort Deutsch sprechen und half mir mit ein bisschen Englisch über die Runden."

Seither riss die Verbindung nach St.Wendel für sie nicht mehr ab. Schon mit 17 hängte sie ihre aktive Laufbahn an den Nagel, nachdem sie in Tiflis an der Universität für Sport, Bildung und Kultur das Sportstudium begonnen hatte, das sie mit dem Diplom abschloss. Ihre deutschstämmigen Großeltern mütterlicherseits hatten stets den Wunsch, mit der ganzen Familie irgendwann einmal nach Deutschland zurückzukehren. Bellas Oma besorgte nach und nach die notwendigen Papiere, erlebte die Umsiedlung aber nicht mehr mit, weil sie 1993 starb. Inzwischen war Georgien ein selbständiger Staat geworden, dem es nach Meinung von Bella Reingold aber nicht sehr gut ging. Im August 1994 traf die Familie die Entscheidung, sich nun endgültig gen Westen zu verabschieden. Bella wohnte mit ihren Eltern zunächst einige Monate in Berlin. Hier reifte der Entschluss, über die befreundete Hella Klomen einen Umzug in das Saarland zu organisieren. Nach kurzem Aufenthalt in Bosen war dann das Endziel St.Wendel erreicht.

Erfolg der Mädchen ist Ansporn

"Eigentlich wollte ich nie wieder etwas mit Sport zu tun haben", hatte sich Bella vorgenommen, "weil doch alles sehr hart und anstrengend für mich war." In ihr vermischt sich noch heute der Nationalstolz mit dem Bewusstsein, als Kind und Jugendliche doch ganz abhängig von Training und Wettkämpfen gewesen zu sein. Als sie aber von Ursula Born angesprochen wurde, in der im Aufbau befindlichen Rhythmischen Sportgymnastik des TV St.Wendel mitzuarbeiten, sagte sie nicht nein. Aus einem Trainingstag in der Woche sind inzwischen fünf geworden. Wenn Leistung komen soll, ist das tägliche Üben nach ihrer Erfahrung unumgänglich. "Und wenn man dann sieht, wie die Mädchen vorankommen und Erfolge haben, dann macht es auch Spaß", freut sie sich. Ihre Zusammenarbeit mit den Kolleginnen Karin Schalda-Junk und Birgit Reh funktioniert, und das ist mit eine der Grundlagen ihrer Erfolge. 90 Mädchen zwischen sechs und 16 Jahren zählt derzeit die Abteilung. 15 betreiben Sportgymnastik als Leistungssport.

1997 hat Bella Reingold ihren Mann Alexander geheiratet, den sie in Berlin kennen gelernt hat. Ihr Söhnchen Nico ist jetzt viereinhalb Jahre alt und spielt bei den Minis des SV Blau-Weiß St.Wendel-West Fußball. Immer wieder bettelt der Kleine in letzter Zeit, auch Gymnastik betreiben zu wollen. Und ständig wehrt Bella die Bitte ab: "Nico, das geht doch nicht, du bist ein Junge."

erstellt am 19.09.2003